Klärschlamm aus der Kläranlage wird nicht einfach entsorgt: In Nagoya werden 99,8 % der Asche aus verbranntem Klärschlamm weiterverwendet, vor allem als Zementrohstoff, und getrockneter Schlamm wird zu einem zugelassenen Dünger, der auf 6 Schadstoffe geprüft wird. Hier der ganze Ablauf, so wie man ihn im Abwassermuseum von Nagoya erlebt.
Am 6. September 2026 lief im METAWATER-Abwassermuseum Nagoya gerade das „Fest des Abwassermuseums“: zwei Tage, am 5. und 6. September, von 9:30 bis 16:30 Uhr, Eintritt frei. Führungen durch die Kläranlage, Quiz, Basteln – ganz klar ein Programm für Familien.[1]
Überall Kinder. Und mittendrin ein Erwachsener, der hochkonzentriert Tafeln über Belebtschlamm, Nachklärbecken, Schlammbehandlung und „Schlammkuchen“ liest. So sehr, dass jemand, der draußen eine Umfrage zum Thema Wohnen machte, fragte: „Sind Sie extra von weit her gekommen, um sich die Kanalisation anzuschauen?“ Ein Erwachsener, der allein wegen des Abwassers kommt, ist offenbar kein alltäglicher Anblick.
Die Ausstellung war aber viel ernsthafter als gedacht. Seit dem großen Umbau 2020 erklärt das Museum in 5 Bereichen zum Mitmachen: Alltag und Kanalisation, Abwasserreinigung, Pflege der Kanalrohre, Katastrophenvorsorge sowie Geschichte und Zukunft der Abwasserentsorgung in Nagoya.[2]
Der Satz aus der Schule, „Mikroben bauen Schmutz ab“, hängt plötzlich an einer Anlage in Stadtgröße. Und die Fragen werden immer mehr: Bleiben die Mikroben, die die Kacke gefressen haben, nicht im Wasser? Ist „Schlammkuchen“ nicht ein furchtbarer Name? Was ist echtes Recycling – Zement oder Dünger? Ist Dünger aus menschlichen Ausscheidungen wirklich sicher?
0. Kurz gesagt: Eine Kläranlage ist eine riesige Mikrobenfabrik plus Recyclinganlage
Das Klärwerk Meijo arbeitet mit dem klassischen Belebtschlammverfahren und schafft 100.000 Kubikmeter pro Tag, mit 7 Belebungsbecken und 15 Nachklärbecken.[3]
Das Wasser, grob: Abwasser → großen Müll und Sand entfernen → absetzen lassen → Mikroben die organischen Stoffe aufnehmen lassen → die Mikrobenflocken absinken lassen → das klare Wasser oben desinfizieren → zurück in den Fluss.[4]
Der Schlamm: Schlamm → eindicken → Flockungsmittel dazu → Wasser auspressen → verbrennen oder trocknen → Zementrohstoff, Brennstoff, Dünger und mehr.[5][6][7]
Die Kanalisation reinigt also nicht nur Wasser. Sie ist auch ein riesiges Stoffsystem, das entscheidet, wo die organischen Stoffe, der Stickstoff, der Phosphor und die Asche landen, die eine Stadt jeden Tag produziert.
1. Auf einem Kinderfest liest ein Erwachsener über „Nachklärbecken“
Wer neben dem Basteltisch „Rücklaufschlamm … Überschussschlamm … aha …“ murmelt, wirkt schnell wie ein ziemlicher Nerd.
Aber genau das macht es auch für Erwachsene spannend. Die paar Pfeile im Schulbuch werden zu städtischer Technik, die rund um die Uhr läuft. Museum und Klärwerk Meijo liegen auf demselben Gelände: Kaum hat man das Prinzip verstanden, „steht das Original direkt nebenan“.
Aus der Schulbuchgrafik wird plötzlich „Moment, diese Maschine läuft wirklich jeden Tag“.
2. „Mikroben fressen den Dreck“ ist sehr locker gesagt – aber im Kern stimmt es
In den Belebungsbecken wird Belebtschlamm voller Mikroben ins Abwasser gemischt und Luft eingeblasen. Die Mikroben ernähren sich von den organischen Stoffen im Wasser, vermehren sich und bilden Flocken, die leicht absinken.[4]
Mikroben zu nutzen ist in der Landwirtschaft, beim Kompost oder beim Fermentieren ganz normal. Der Unterschied ist die Größenordnung: Allein Meijo schafft 100.000 Kubikmeter pro Tag.[3]
Salopp gesagt ist das eine riesige städtische Mikrobenzucht. Genau gesagt ist es eine industrielle biologische Reinigung, bei der Sauerstoff, Schlammmenge, eingehende Schmutzfracht und das Absetzverhalten gesteuert werden. Man überlässt nichts einfach der Natur, sondern steuert Lebewesen als Teil der Anlage.
3. „Da bleiben doch massenhaft Kacke-Mikroben im Wasser?“ – Das Nachklärbecken regelt das
Wer das Belebungsbecken verstanden hat, fragt sich: Wenn nach dem Desinfizieren noch massenhaft Mikroben drin sind, ist das Wasser dann nicht trotzdem dreckig?
Dafür gibt es das Nachklärbecken. Die Belebtschlammflocken sinken nach unten, das klare Wasser oben geht zur Desinfektion. Ein Teil des abgesetzten Schlamms kommt zurück ins Belebungsbecken, der Rest geht in die Schlammbehandlung.[4]
Belebungsbecken = hier arbeiten die Mikroben. Nachklärbecken = hier werden die Mikroben nach getaner Arbeit vom Wasser getrennt.
Es heißt also nicht: „Alle zurück vom Kacke-Buffet, und ab in den Fluss!“
4. Schlammkuchen – der unappetitlichste Kuchen der Welt
Der abgetrennte Schlamm ist noch sehr wässrig. Also wird er eingedickt, mit Flockungsmittel versetzt und in einer Entwässerungsmaschine ausgepresst.[5]
Das feste Ergebnis heißt Schlammkuchen, auf Japanisch wörtlich „entwässerter Kuchen“.
Nur der Name klingt nach Dessert. In Wirklichkeit ist es entwässerter Klärschlamm. Ganz plump gesagt: Kackkuchen.
Erdbeertorte, Käsekuchen, Schlammkuchen. Einer davon darf auf keinen Fall in die Kuchentheke.
Aber beruflich hat er beste Aussichten. Laut den Zahlen der Stadt Nagoya zum Ende des Haushaltsjahres 2021 wurden 99,8 % von 6.534 Tonnen Klärschlammasche weiterverwertet, zum Beispiel als Zementrohstoff.[6]
5. Ist Zement schon Kreislauf? Rohstoffrecycling und Nährstoffkreislauf sind zwei Paar Schuhe
Wird Klärschlammasche als Zementrohstoff verwendet, wird aus etwas, das man sonst wegwerfen würde, ein Rohstoff für eine andere Branche. Das ist echtes Rohstoffrecycling.[6]
Stickstoff und Phosphor kommen dadurch aber nicht zurück aufs Feld, werden nicht von Pflanzen aufgenommen und landen nicht als Essen wieder beim Menschen.
Zement = ein Kreislauf, in dem Material aus Abfall von einer anderen Branche genutzt wird.
Dünger = ein Kreislauf, in dem Pflanzennährstoffe zurück in die Lebensmittelproduktion gehen.
Beides heißt „Kreislauf“, aber das Ziel ist ein anderes.
6. Als Dünger wird der Kreislauf sichtbar: Mensch → Kanal → Feld → Ernte → Mensch
Klärschlamm enthält Stickstoff und Phosphor, und Japans Regierung baut die Nutzung von Klärschlamm als Dünger aus.[8]
Nagoya hat getrockneten Schlamm aus dem Schlammrecyclingzentrum Sorami als „mikrobiellen Phosphatdünger“ zugelassen. Der Name: „Junkan Dainagon“. Garantierte Gehalte: 3,0 % Gesamtphosphat und 4,0 % Gesamtstickstoff.[7]
Der Kreislauf lautet: Essen → Mensch → Ausscheidung → Kanal → Schlamm → Dünger → Boden → Pflanze → Essen.
Natürlich wird die Kacke von gestern nicht einfach zur Tomate von morgen. Nach Behandlung, Abbau und chemischer Umwandlung nehmen Pflanzen Stickstoff und Phosphor in einer Form auf, die sie verwerten können. Genau genommen kreist nicht das Essen selbst, sondern die Elemente und Nährstoffe.
7. „Ist Dünger aus menschlichen Ausscheidungen nicht gefährlich?“ – Rohe Fäkalien und zugelassener Dünger sind zweierlei
Rohe Fäkalien direkt aufs Feld zu kippen ist etwas völlig anderes als behandelter und qualitätsgeprüfter Klärschlammdünger.
In die Kanalisation fließt alles Mögliche an Abwasser. Deshalb müssen Schwermetalle wie Cadmium, Quecksilber und Blei sowie andere Schadstoffe wie Arsen kontrolliert werden. Japans Ministerium für Landwirtschaft, Forsten und Fischerei hat dazu einen Leitfaden für Arsen, Cadmium, Quecksilber, Nickel, Chrom und Blei.[9]
Streng genommen ist Arsen kein Schwermetall. Was Nagoya für „Junkan Dainagon“ veröffentlicht, sind genau die Messwerte dieser 6 Schadstoffe – alle unter den staatlichen Grenzwerten.[7]
Es gilt weder „kommt aus dem Abwasser, also ist alles gefährlich“ noch „ist als Dünger zugelassen, also muss man nichts mehr prüfen“. Entscheidend sind Behandlung, Prüfung und das Einhalten der Grenzwerte.
8. Drei Typen neben mir: „Und, wie ist das jetzt?“ „Keine Ahnung“ → also habe ich selbst die offiziellen Quellen rausgesucht
In der Nähe der Ausstellung unterhielten sich drei Männer.
„Wenn man Zement draus macht, ist das dann ein Rohstoffkreislauf?“
„Und wenn es Dünger wird – wie hängt das mit dem zusammen, was damit angebaut wird?“
„Wenn das aus menschlichen Ausscheidungen kommt, ist das nicht gefährlich?“
Die Antwort war im Grunde: „Keine Ahnung.“
Also: Tafel lesen → KI fragen → „Zeig mir die offiziellen Quellen“ sagen. Die drei redeten längst über etwas anderes, aber daneben war alles geklärt: „Zement = Rohstoffrecycling, Dünger = Nährstoffe zurück in die Lebensmittelproduktion, Sicherheit = Schadstoffkontrolle nach Grenzwerten“.
Den Smalltalk fremder Leute einfach zum Forschungsthema machen und die Antworten finden, die sie selbst nie gesucht haben. Wissenschaftsmuseum + Smartphone = Nachhilfe ohne Ende.
9. Immobilienvertrieb vor dem Familienfest – und nebenan eine riesige Arena
Vor dem Gelände sprach mich ein junger Mitarbeiter an, der auf der Straße eine Umfrage zum Thema Wohnen machte. Drinnen: lauter Familien. Rein von der Dichte der Zielgruppe her eigentlich ideal, um Häuser zu verkaufen.
„Warum nicht einfach drinnen?“, denkt man. Doch er meinte, es seien zu viele Leute, das sei ihm unangenehm.
Zielgruppendichte: S. Seelische Belastung: SSS.
Marketing-Lehrbücher zum Thema Zielgruppen brauchen eine neue Variable: wie peinlich es ist, wirklich fremde Leute anzusprechen.
Ganz in der Nähe steht außerdem die IG Arena, eröffnet im Juli 2025, mit Platz für bis zu etwa 17.000 Menschen.[10] Bei den Asienspielen Aichi-Nagoya 2026 finden dort Basketball und Judo statt.[11]
Eigentlich wollte ich nur Abwasser anschauen – und plötzlich lagen Familienfest, Straßenvertrieb, Riesenarena und ein internationales Sportevent alle in Laufweite.
10. Nagoya setzte 1930 als erste Stadt Japans das Belebtschlammverfahren wirklich ein
Im Oktober 1930 hat Nagoya in den Kläranlagen Horidome und Atsuta als Erste in Japan die Abwasserreinigung mit dem Belebtschlammverfahren in den echten Betrieb gebracht.[12]
Im Land gab es kein Vorbild, also baute man Versuchsanlagen und tastete sich durch Ausprobieren heran. Das Verfahren aus dem Schulunterricht ist in Nagoya ein Stück eigene Technikgeschichte.
Außerdem gibt es Aufzeichnungen, dass getrockneter Schlamm schon seit den 1930er-Jahren als Dünger genutzt wurde.[13] Wie man Schlamm wieder zum Rohstoff macht, ist also kein neuer Trend, sondern eine Aufgabe, an der man seit fast 100 Jahren arbeitet.
11. Fazit: Von „Wo landet die Kacke?“ bis zur Systemtechnik
Angefangen hat alles mit „Wie wird Abwasser eigentlich sauber?“
Von da an hing alles an einem Faden: Belebtschlamm, Nachklärbecken, Schlammkuchen, Zement, Dünger, Stickstoff und Phosphor, Schadstoffkontrolle und Nagoyas Technikgeschichte.
Der kurze Satz „Mikroben fressen den Dreck“ ist keine verwässerte Version von schwierigem Wissen. Er ist eine Eingangstür zu Biologie, Bauingenieurwesen, Chemie, Landwirtschaft, öffentlicher Gesundheit und Rohstoffpolitik.
Erst am echten Objekt verstehen – und wenn eine Frage auftaucht, gleich vor Ort bis zu den offiziellen Quellen graben.
Das ist die wichtigste Lektion.
Ich habe über den Kackkuchen gelacht – und plötzlich habe ich gelernt, wie Stoffe durch eine Stadt kreisen.
Quellen (13)
- 名古屋市「下水道科学館まつり」(2026年9月5日・6日、9:30~16:30、入場無料) city.nagoya.jp
- メタウォーター下水道科学館なごや/名古屋市上下水道局(展示・2020年リニューアル) https://www.water.city.nagoya.jp/category/history/145055.html waterlab.nagoya
- 名古屋市上下水道局「名城水処理センター」(標準活性汚泥法、100,000m³/日、反応タンク7、最終沈でん池15) water.city.nagoya.jp
- 名古屋市上下水道局「下水処理のしくみ」 water.city.nagoya.jp
- 名古屋市上下水道局「汚泥処理のしくみ」 water.city.nagoya.jp
- 名古屋市上下水道局「下水道資源・資産の有効利用」(令和3年度末:汚泥焼却灰6,534トン、有効利用率99.8%) water.city.nagoya.jp
- 名古屋市上下水道局「循かん大なごん」(菌体りん酸肥料、りん酸3.0%、窒素4.0%、有害成分測定値) water.city.nagoya.jp
- 国土交通省「下水汚泥資源の肥料利用」 mlit.go.jp
- 農林水産省「汚泥肥料中の重金属等の管理」 maff.go.jp
- IGアリーナ公式(2025年7月開業、最大約17,000人) ig-arena.jp
- 愛知・名古屋2026「愛知国際アリーナ」(バスケットボール・柔道) aichi-nagoya2026.org
- 名古屋市上下水道局「下水道の歴史」(1930年10月、堀留・熱田で日本初の活性汚泥法実用化) water.city.nagoya.jp
- 名古屋市上下水道局「汚泥の有効利用の歴史」(1930年代から乾燥汚泥肥料) water.city.nagoya.jp

