Sind lustige Menschen charakterlich fies? Fieses Mundwerk, kein Zynismus, trotzdem zum Lachen: Humor, der mehr kann als „War doch nur Spaß"

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„Wer Humor hat, hat einen miesen Charakter." Diese These taucht in den sozialen Netzwerken regelmäßig auf. Klar, ein scharfer Spruch fällt auf. Lästern ist kurz, es sitzt, und es eignet sich prima für Screenshots.

Aber von da aus bis zu „je lustiger, desto fieser" ist es ein ziemlich grober Sprung.

Gleich vorweg: Witzigkeit und Charakter sind zwei verschiedene Achsen. Es gibt fiese Menschen, die lustig sind, und nette Menschen, die lustig sind. Es gibt Gutmenschen mit rauem Ton, und es gibt Leute, die höflich reden und sich trotzdem miserabel verhalten.

In diesem Beitrag denken wir alles zusammen durch: den bissigen Spott, den Zynismus, die Kommentarkultur von Niconico (einer japanischen Videoplattform, bei der die Kommentare direkt über dem Video laufen), Figuren, die mit einem Lächeln Gift verspritzen, und die schwächste aller Fluchtmanöver: „War doch nur ein Witz, lol".

1. „Lustig = fies" ist schon als Schublade viel zu grob

In der Psychologie gilt Humor nicht als eine einzige Sache. Der oft genutzte Fragebogen Humor Styles Questionnaire teilt ihn grob in vier Arten ein:

  • verbindender Humor, der Nähe zu anderen schafft („affiliativ")
  • selbststärkender Humor, mit dem man über schwierige Situationen lacht („selbstaufwertend")
  • aggressiver Humor, der andere runtermacht
  • selbstabwertender Humor, bei dem man sich selbst kleinmacht, um die Runde für sich zu gewinnen

In einer Metaanalyse, die 24 Studien mit insgesamt 11.791 Personen zusammenfasst, hing verbindender und selbststärkender Humor positiv mit Eigenschaften wie Verträglichkeit und Extraversion zusammen. Aggressiver und selbstabwertender Humor dagegen zeigten einen negativen Zusammenhang mit Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit.

Die Forschung sagt also nicht „Lustige Menschen sind fies", sondern eher: „Wer aggressive Witze mag, zeigt eher bestimmte Persönlichkeitsneigungen."

Humor insgesamt als „Lästern" abzustempeln ist ungefähr so, als würde man jedes Gericht unter „salzig" einsortieren.

2. Wer scharf zubeißt, fällt auf, und deshalb wirkt „lustig" schnell wie „gemein"

Spott hat Wucht.

„Du bist ein netter Mensch" rauscht vorbei. „Du Labersack" bleibt hängen.

Dass der Comedian Hiroyuki Ariyoshi um 2007 mit bissigem Spott und selbst erfundenen Spitznamen für andere ein großes Comeback feierte, wird unter anderem von Oricon (einem japanischen Medienunternehmen für Musik- und Entertainmentcharts) berichtet. Das heißt nicht, dass Spott etwas Schlechtes wäre. Es heißt, dass er eine Technik hatte: kurz, ein Merkmal auf den Punkt gebracht, in einen überraschenden Namen verwandelt.

Wichtig ist: Der Kern von Witzigkeit ist nicht nur Bosheit.

Man beobachtet. Man findet die seltsame Stelle. Man verdichtet sie auf einen Satz. Man bringt ihn im richtigen Moment. Man liest die Reaktion des Gegenübers und der Runde.

Dieser ganze Ablauf steckt dahinter.

Wenn Bosheit allein reichen würde, wäre jeder Mensch im Internet Sieger bei der M-1 (Japans größtem Comedy-Wettbewerb für Duos). Leider ist das nicht der Fall.

3. Der Motor der Witzigkeit: Beobachtung, Sprache und Vorausahnen

Studien zur Fähigkeit, Humor zu erzeugen, berichten einen Zusammenhang zwischen allgemeiner Intelligenz bzw. Sprachbegabung und der Humorproduktion. In jüngerer Zeit gibt es auch Forschung, die Humor in mehrere Fähigkeiten zerlegt: Witze machen, Witze verstehen und vorhersagen, wo gelacht wird.

„Der wirkt irgendwie fies" ist weniger lustig als „Der schiebt in jedes Gespräch Werbepausen ein". Der zweite Satz hebt ein Merkmal der Person eine Abstraktionsstufe höher und vergleicht es mit etwas ganz anderem.

Lachen entsteht oft aus einer Arbeit: Man sieht die Wirklichkeit nicht einfach so, sondern verwandelt sie erst einmal.

Wer lustig sein will, braucht deshalb vor jeder „Fiesheit" erst einmal Beobachtung, Assoziation, Formulierungskunst und Timing.

4. Zynismus und Konter wirken ähnlich, zeigen aber in verschiedene Richtungen

Nicht jeder mit rauem Mundwerk ist ein Zyniker.

Zynismus geht leicht in die Richtung, den Wert der Sache selbst zu drücken: „Glaubst du etwa daran?", „Das klappt doch eh nie", „Das macht dir echt Spaß?"

Der Konter-Humor (japanisch „Tsukkomi", das schlagfertige Einhaken und Richtigstellen, wie es im Manzai-Comedy-Duo üblich ist) dagegen sagt: „Wie kommt man denn darauf?", „Auf einmal ist das hier eine ganz andere Welt", „Wer hat diese Funktion bitte durchgewinkt?" Er bleibt beim Gegenstand mit dabei und pickt die seltsamen Stellen heraus.

Zynismus steht außerhalb des Inhalts und sagt: „Lächerlich." Der Konter steigt in den Inhalt hinein und „spielt auch mit der Lächerlichkeit".

Beides kann in der Wortwahl rau sein. Die Haltung ist aber eine völlig andere.

5. Das „Niconico-Blut": die Welt mit Kommentaren sehen

Wer die Niconico-Kultur lange verfolgt hat, lacht auf eine ganz eigene Art.

Man schaut ein Video. Man entdeckt eine komische Bewegung. „Gras" (japanischer Netzslang, der „lol" entspricht: ein „w" für „warai", Lachen, wirkt wie wachsendes Gras). Jemand gibt dem Ganzen einen Namen. Ein Dritter legt nach. Irgendwann ist die Kommentarspalte lustiger als das Video selbst.

Der Niconico-Datensatz, den das National Institute of Informatics (Japans staatliches Informatikforschungsinstitut) für die Forschung bereitstellt, enthält Stand Ende September 2021 rund 20 Millionen Videos und etwa 4,1 Milliarden Kommentare. So groß ist die Kultur des gemeinsamen Dazwischenfunkens, die sich angesammelt hat.

Wer sich zu viel davon ins Gehirn lädt, hat bei Filmen, Spielen und sogar auf der Straße eine Kommentarspalte im Kopf.

Die Welt: läuft ganz normal weiter Kommentarspalte im Kopf: „Ist das ein Hinweis auf später?", „Wer ist das?", „Das ist eine Niederlage-Flagge", „Der Speedrun hat angefangen", „lol"

Das ist nicht ganz dasselbe wie Zynismus. Man hält nicht Abstand, weil man etwas nicht mag. Man ist im Gegenteil mittendrin. Man macht mit und verwandelt dabei alles in einen Gag.

Man könnte es den Dauermodus „Niconico-Liveticker" nennen.

6. Ein rauer Ton bei guter Seele ist völlig normal

„Ein loses Mundwerk haben" und „einen schlechten Charakter haben" sind nicht dasselbe.

Ein leicht verständliches Beispiel aus der Fiktion ist Shinobu Kochō aus „Demon Slayer" (Kimetsu no Yaiba, einer sehr erfolgreichen japanischen Manga- und Anime-Reihe). In der offiziellen Vorstellung heißt es, sie lasse ihr Lächeln nie verschwinden und rede mit Menschen wie mit Dämonen höflich.

Doch wie die Zuschauer wissen: Höfliche Sprache heißt nicht, dass man in Sicherheit ist.

😊 „Ach so, verstehe." 😊💢 „Ach so, verstehe." 😊💢💢 „Ach so, verstehe."

Der Text bleibt derselbe, doch im Anime sieht man die Wutanzeige.

Der Reiz von Shinobu liegt auch darin, dass „Lächeln", „höfliche Sprache" und „Gift mit hoher Schlagkraft" bei ihr zusammenkommen. Wer sie sieht und schließt: „Sie ist lustig, also ist sie fies", liegt daneben.

Gut und böse, rauer Ton, Provokationsstärke und Schärfe des Humors sind getrennte Werte.

7. Was in einem lächelnden Menschen vorgeht, wird im echten Leben nicht als Anzeige eingeblendet

Auch „Wer immer lächelt, hat einen guten Charakter" ist gefährlich.

Niemand zeigt sein Inneres vollständig. Man kann wütend sein und trotzdem lachen. Man kann etwas hassen und trotzdem höflich sprechen. Umgekehrt gibt es Leute mit rauem Ton, die sich fair verhalten.

Im Anime ist das praktisch:

😊 ↓ 😊💢 ↓ 😊💢💢 ↓ 😊💢💢💢

In der Realität gibt es diese Anzeige im Bild (im Gaming sagt man „HUD") nicht.

Wenn man den Charakter beurteilen will, schaut man deshalb besser aufs Handeln als aufs Lächeln.

Ist die Person auch dann fair, wenn sie selbst draufzahlt? Geht sie auch mit Schwächeren sorgfältig um? Hört sie auf, wenn jemand sich unwohl fühlt? Schiebt sie nach einem Fehler die Verantwortung ab?

Der Charakter zeigt sich weniger darin, welches Gesicht man im Alltag macht, sondern darin, was man tut, wenn es Reibung gibt.

8. „War doch nur ein Witz, lol" ist lahm, weil es die Verantwortung für das Lachen auf den anderen abwälzt

Hier kommt der Notausgang der Gesprächswelt.

„War doch nur ein Witz, lol."

Natürlich ist der Satz an sich nicht schlecht. In der Gesprächsforschung hat „just kidding" mehrere Funktionen: vorab ankündigen, dass es ein Witz ist, einen missglückten Witz reparieren, zum ernsten Thema zurückkehren oder einen neuen Witz beginnen.

Problematisch ist es in Situationen wie dieser:

A: „Du bist echt so ein XY, lol." B: „Das finde ich nicht schön." A: „Hä, war doch nur ein Witz, lol. Du bist so ein Spielverderber."

Das ist schwach.

Denn hier wird die Verantwortung verschoben: vom eigenen missglückten Witz auf „dem anderen fehlt die Fähigkeit, Witze zu verstehen".

Es ist, als würde ein Spieler, der den Ball verschossen hat, zum Tor rufen: „Tun wir mal so, als wäre der drin gewesen, okay?"

Er war nicht drin.

9. „Nur ein Witz" kann auch ein Freifahrtschein für Angriffe sein

Auch die Forschung zu Mobbing in der Schule hat gezeigt: Lachen die Umstehenden, lassen sich aggressive Handlungen leichter rechtfertigen, indem man sie „nur Spaß" oder „bloß herumalbern" nennt.

Das ist wichtig.

Da lachen Leute. Also ist es harmlos? Nicht unbedingt.

In einer Gruppe kann es sein, dass die Lachenden sicher sind und nur die Ausgelachten den Preis zahlen.

Man sollte darauf achten, wer lacht, wer schweigt und wer in der Position ist, „Hör auf" zu sagen.

Lachen darf frei sein. Aber Freiheit bedeutet nicht, dass das Gegenüber kein Vetorecht hat.

10. Ein einfacher Maßstab: lustiger Spott oder bloßer Angriff?

Eine perfekte Formel ist das nicht, aber im Alltag ist diese Tabelle gut brauchbar:

Situation Einschätzung
Das Gegenüber lacht auch ziemlich sicher
Das Gegenüber kann zurückgeben ziemlich sicher
Man selbst ist auch Teil des Witzes meist sicherer
Der Witz geht über Situationen und Widersprüche, nicht über Personen meist sicherer
Man hört auf, wenn das Gegenüber es unangenehm findet am wichtigsten
Man macht weiter, obwohl das Gegenüber es unangenehm findet eher Angriff
Man macht dem Gegenüber mit „War doch nur ein Witz" Vorwürfe ziemlich peinlich
Man zielt nur auf Schwächere weniger Humor, mehr Machtspiel

In der Humortheorie gibt es die „Benign Violation Theory" (Theorie der harmlosen Verletzung). Grob gesagt: Gelacht wird besonders dann, wenn etwas gegen Regeln oder Erwartungen verstößt und sich gleichzeitig mit „na ja, ist schon okay" anfühlt.

Starker Humor zielt also darauf, zugleich zu provozieren und sicher zu sein.

Bleibt nur die Provokation übrig, ist es ein bloßer Angriff. Bleibt nur die Sicherheit übrig, ist es harmloser Smalltalk. Genau diese Gratwanderung zu beherrschen, ist die Kunst.

11. „Nette Leute sind nicht lustig" – die Messmethode ist fragwürdig

Auch die Behauptung „Ich habe noch nie jemanden getroffen, der nett und lustig ist" hat ihre Probleme.

Zunächst: Wie wurde „nett" überhaupt gemessen?

Am Lächeln? An der Höflichkeitssprache? Daran, dass jemand nicht lästert? Daran, dass der erste Eindruck angenehm ist?

Davon allein erkennt man das Innere nicht.

Dazu kommt, dass „lustig" je nach Betrachter anders ist. Wer bissigen Spott mag, findet sanften Humor vielleicht „schwach". Wer Wortspiele liebt, findet Körperkomik womöglich flach. Wer mit der Niconico-Kultur aufgewachsen ist, schätzt vielleicht das Aufeinander-Draufsetzen wie in einer Kommentarspalte besonders.

„In meinem Umfeld war es so" ist als Lebenseindruck völlig richtig. Aber sobald man daraus „Die Menschheit ist so" macht, wird es plötzlich fragwürdig.

Stichprobengröße: meine Bekannten. Begutachtung: ich. Statistik: Bauchgefühl.

Als wissenschaftliche Arbeit fällt das durch.

12. Fazit: Das Mundwerk und den Charakter getrennt bewerten

Nicht lustige Menschen sind fies.

Genauer gesagt:

  • Zur Witzigkeit gehören Beobachtung, Formulierung, Assoziation, Timing und Vorausahnen.
  • Spott fällt auf und wird deshalb leicht mit „Witzigkeit" verknüpft.
  • Aggressiver Humor und Persönlichkeitsneigungen hängen zusammen.
  • Es gibt aber keine Grundlage, Humor insgesamt als „fiesen Charakter" zusammenzufassen.
  • Auch Lächeln oder höfliche Sprache allein verraten den Charakter nicht.
  • „War doch nur ein Witz, lol" hat durchaus seine Funktion im Gespräch, wird aber ganz schwach, wenn man es zum Abwälzen von Verantwortung benutzt.
  • Entscheidend ist, ob nicht nur eine einzige Person die Rechnung für das Lachen zahlt.

Deshalb sollte man das Gesamturteil über eine Person am Ende so aufteilen:

Sicherheit des Mundwerks: schlecht Konter-Leistung: hoch Kommentarspalte im Kopf: Dauerbetrieb Zynismus: eigentlich keiner Charakter: nach dem Handeln beurteilen

So wird die Einschätzung deutlich genauer.

„Lustig, also fies" ist zu grob.

Lustige Menschen sind lustig. Dabei kann man es erst einmal belassen.


Noch einen Schritt weiter: Wie nutzt man eine zu starke Fähigkeit sicher? Schieß Meteor nicht auf die Produktivumgebung

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  • Humor, Seriously (englische Ausgabe)

    Jennifer Aaker, Naomi Bagdonas / Currency, an imprint of Random House / 2021

    Ein Buch über Humor, das Thema dieses Artikels.

  • Born standing up (englische Ausgabe)

    Steve Martin / Scribner / 2007

    Ein Buch über Humor, das Thema dieses Artikels.

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