„Kaga ni sasareta!“ (かがに刺された!)
Stellen wir uns vor, ein Kind sagt das auf Japanisch. Wenn im Kopf eines Erwachsenen dazu der Untertitel 加賀に刺された erscheint, also „Ich wurde von Kaga gestochen“, wird daraus für einen Augenblick ein Kriminalfall. War eine Person namens Kaga der Täter? Geht es um einen Ort namens Kaga? Vielleicht will das Kind aber einfach sagen: „Eine Mücke hat mich gestochen, und es juckt!“
Wer jetzt mit „Falsch! Ka! Noch einmal!“ einsteigt, macht aus einem Gespräch über einen juckenden Stich plötzlich einen Aussprachetest.
Ein guter Anfang wäre: „Eine Mücke hat dich gestochen? Das juckt. Wo denn?“ Erst klären, was gemeint ist, und dabei eine natürliche Formulierung verwenden.
Dieser Artikel arbeitet mit erfundenen japanischen Gesprächsbeispielen. Sie sollen mögliche Gründe für sprachliche Verwechslungen und passende Reaktionen von Erwachsenen veranschaulichen. Es sind keine entsprechenden Versprecher deutschsprachiger Kinder. Aus den schriftlichen Beispielen lässt sich auch keine Diagnose zur Entwicklung oder Sprechweise eines Kindes ableiten.
„Ka ga“ und „Kaga“: Die Schreibweise verrät nicht, was ein Kind versteht
蚊 (ka) bedeutet auf Japanisch „Mücke“. が (ga) ist eine Partikel, die das Subjekt eines Satzes markieren kann. に (ni) ist eine andere Partikel; sie kennzeichnet hier, von wem oder was jemand gestochen wurde. Erwachsene unterscheiden also 蚊+が (ka + ga) und 蚊+に (ka + ni).
Sowohl 蚊が (ka ga) als auch der Name 加賀 (Kaga) werden in der japanischen Silbenschrift Hiragana als かが geschrieben. Daraus folgt aber nicht, dass Aussprache, Tonhöhenakzent und sprachliche Umgebung in jeder Situation identisch sein müssen.
Noch wichtiger ist: Nur weil ein Erwachsener 加賀 schreibt, denkt das Kind nicht zwangsläufig, das Insekt heiße kaga.
Wenn das Kind die Mücke selbst kaga nennt und auch in anderen Situationen kaga ni sasareta sagt, könnte es ka und das anschließende ga als eine Einheit gelernt haben. Erwachsene teilen in „ka + ga“ oder „ka + ni“ auf. Das Kind sucht diese Grenze möglicherweise noch.
Die Gespräche, die wir hören, kommen ohne gedruckte Leerzeichen zwischen den Wörtern bei uns an. Herauszufinden, wo sich der Sprachstrom unterteilen lässt, gehört zu den Aufgaben beim Spracherwerb.
Christiansen, Onnis und Hockema untersuchten 2009 ein Rechenmodell, das anhand von Lautfolgen Wortgrenzen ermitteln sollte. Dafür wurden Daten aus englischen, an Kinder gerichteten Äußerungen mithilfe von Aussprachewörterbüchern und weiteren Ressourcen in Lautfolgen umgewandelt. Die Studie hilft dabei, über Wortgrenzen nachzudenken. Sie hat weder dieses japanische kaga-Beispiel untersucht noch dessen Ursache festgestellt. Zum Forschungsartikel
„Vielleicht überlegt das Kind gerade, wohin die Leerzeichen gehören“ ist ein interessanter Gedanke. Ob im Kopf des Kindes tatsächlich dieser Untertitel läuft, ist eine andere Frage.
Auch „pia no“ und „chi ga ga“ lassen mehrere Erklärungen zu
Was ist, wenn ein Kind ピアノ (piano, „Klavier“) scheinbar als ピアの (pia + no) auffasst?
Die japanische Partikel の (no) kommt häufig vor, etwa in 猫のごはん (neko no gohan, „das Futter der Katze“) oder 先生の本 (sensei no hon, „das Buch der Lehrkraft“). Ein Kind könnte den letzten Laut von piano mit dieser Partikel verbinden, statt ihn als Teil des Instrumentennamens zu verstehen. Nach dieser Deutung überträgt es eine vertraute sprachliche Regel auf ein neues Wort.
Allerdings ändert sich die Lautfolge nicht, wenn Erwachsene statt ピアノ einfach ピアの schreiben. Die Schreibweise allein zeigt nicht, an welcher Stelle das Kind die Grenze zieht. Dafür braucht es auch den Gesprächszusammenhang und Hinweise darauf, wie das Kind das Wort mit anderen Wörtern verbindet.
Ein weiteres erfundenes Beispiel ist 血がが出た (chi ga ga deta), hier im Sinn von „Da kam Blut“. 血 (chi) bedeutet „Blut“, ga markiert das Subjekt. Vielleicht hat das Kind chi ga als Einheit gelernt und ein weiteres ga angehängt. Vielleicht hat es in diesem Moment aber auch nur den Laut wiederholt.
Auch Verhören, Schwierigkeiten beim Aussprechen oder spielerischer Sprachgebrauch kommen infrage. Nach einer einzigen Äußerung steht die Erklärung noch nicht fest.
Im Kopf eines Kindes laufen keine sichtbaren Untertitel mit. Die Untertitel, die Erwachsene selbst hinzufügen, sollten wir nicht einfach für die Lösung halten.
Eine andere Lautreihenfolge ist etwas anderes als eine Lautwiederholung
Wird aus ヨーグルト (yōguruto, dem japanischen Wort für „Joghurt“) die Form よーるぐと (yōruguto), lässt sich das als vertauschte Lautreihenfolge beschreiben: gu und ru haben den Platz gewechselt. Das ist etwas anderes als eine mögliche Verwechslung der Wortgrenze bei ka + ga.
Bei み、み、み、みみず (mi, mi, mi, mimizu) hören wir eine Wiederholung am Anfang von mimizu, dem japanischen Wort für „Regenwurm“. Die Sprechweise kleiner Kinder kann auf unterschiedliche Weise schwanken. Deshalb lässt sich aber weder jede Wiederholung mit „Das geht von allein weg“ abtun noch nach einmaligem Hören Stottern feststellen.
Welche Laute oder Wörter werden wiederholt? Seit wann tritt das auf? Scheint es schwerzufallen, Laute herauszubringen? Ist Anspannung zu erkennen? Belastet es das Kind? Fachleute betrachten solche Beobachtungen zusammen mit dem bisherigen Verlauf. Allein die schriftliche Form „mimimimimizu“ reicht für eine Beurteilung nicht aus. Fachinformationen der ASHA
Auf all diese möglicherweise unterschiedlichen Vorgänge mit „Sprich das ordentlich aus!“ zu reagieren, ist ungefähr so, als würde man auf den Computer schlagen, weil das WLAN ausgefallen ist. Man setzt auf rohe Kraft, ohne die Ursache zu kennen.
Zuerst auf den Inhalt antworten und eine natürliche Formulierung ins Gespräch einbringen
Bei „Kaga ni sasareta!“ ist zunächst wichtiger, wo es juckt und ob der Stich versorgt werden muss, als die Frage, ob das Kind den Namen des Insekts richtig gesagt hat.
Kind: „Kaga ni sasareta!“ (かがに刺された!; hier gemeint als „Eine Mücke hat mich gestochen!“) Erwachsene Person: „Ka ni sasareta n da ne. Kayui ne. Doko o sasareta?“ (蚊に刺されたんだね。かゆいね。どこを刺された?; „Eine Mücke hat dich gestochen. Das juckt. Wo hat sie dich gestochen?“)
Kind: „Pia no sensei ga ita.“ (ピアの先生がいた; hier gemeint als „Die Klavierlehrkraft war da.“) Erwachsene Person: „Piano no sensei ga ita n da. Nani o hiiteta?“ (ピアノの先生がいたんだ。何を弾いてた?; „Die Klavierlehrkraft war da? Was hat sie gespielt?“)
Das zweite Gespräch belegt nicht, dass das Kind tatsächlich eine Wortgrenze falsch verstanden hat. Es zeigt, wie Erwachsene die Bedeutung aufgreifen und in einer natürlichen Form zurückgeben können. Wenn unklar ist, was gemeint ist, lässt sich auch mit „Welche Lehrkraft?“ oder „Meinst du das hier?“ nachfragen, statt etwas vorauszusetzen.
In der Forschung zur Sprachförderung heißt es „Recast“, wenn Erwachsene den Inhalt einer kindlichen Äußerung beibehalten und beispielsweise die Grammatik beim Antworten anpassen. Der Begriff klingt technisch. Hier geht es vor allem darum, ein sprachliches Vorbild in das Gespräch einzubringen.
Die systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von Cleave und ihrem Team aus dem Jahr 2015 fasste Studien mit englischsprachigen Kindern zusammen. Im Mittelpunkt stand die Förderung grammatischer Fähigkeiten durch Recasts, vor allem bei Kindern mit Schwierigkeiten in der Sprachentwicklung. Die Ergebnisse sprechen für einen Nutzen im Bereich der Grammatik. Sie bedeuten nicht, dass einmaliges Umformulieren zu Hause die Aussprache korrigiert oder dass Recasts bei sämtlichen sprachlichen Verwechslungen und bei Stottern im Japanischen helfen. Zusammenfassung der Studie
Für Alltagsgespräche helfen drei einfache Orientierungspunkte:
- Zuerst auf das antworten, was das Kind mitteilen möchte.
- Wenn es passt, selbst einmal die natürliche Formulierung verwenden.
- Das Gespräch weiterführen, statt das Kind die Korrektur mehrfach wiederholen zu lassen.
Wiederholte Aufforderungen wie „Ka! Ka!“ rücken das erneute Aussprechen ins Zentrum des Gesprächs und verdrängen den eigentlichen Inhalt. Bevor immer wieder „Das ist falsch“ im Vordergrund steht, sollte beim Kind ankommen: „Ich habe verstanden, was du mir sagen möchtest.“
Bei Sorgen darf man Rat suchen, statt Gespräche zu benoten
Natürlich zu antworten heißt nicht, Auffälligkeiten zu ignorieren.
Vielleicht wirkt das Kind angestrengt, wenn es versucht, Laute herauszubringen. Vielleicht spannt es Gesicht oder Körper stark an, vermeidet das Sprechen, wirkt belastet oder hat im Alltag häufig Schwierigkeiten, sich verständlich zu machen. Dann können Fachkräfte für Sprachtherapie oder Logopädie, eine kinderärztliche Praxis oder eine örtliche Beratungsstelle für kindliche Entwicklung weiterhelfen.
Auch wenn noch kein deutliches Problem erkennbar ist, dürfen Eltern oder andere Sorgeberechtigte sich beraten lassen, wenn sie sich Sorgen machen. Dafür muss hier weder eine feste Altersgrenze noch eine bestimmte Anzahl von Monaten als Wartezeit angesetzt werden. Bei einer Beratung geht es nicht nur um eine mögliche Diagnose, sondern auch darum, einen passenden Umgang mit diesem Kind zu finden.
Bei auffälligen Lautwiederholungen wird unter anderem empfohlen, als erwachsene Person selbst etwas mehr Pausen zu machen und das Kind ausreden zu lassen, statt es immer wieder mit „Sprich langsamer“ oder „Entspann dich“ aufzufordern. Auf den Inhalt hören, ohne die nächsten Wörter vorwegzunehmen oder eine Frage nach der anderen zu stellen, gehört ebenfalls zu diesen Anregungen. Ratschläge der Stuttering Foundation für Eltern
Das sind allgemeine Anregungen für Gespräche zu Hause. Wenn bereits gemeinsam mit einer Fachkraft geübt oder eine individuelle Förderung durchgeführt wird, sollte dieser Artikel allein kein Anlass sein, die vereinbarte Vorgehensweise zu beenden oder zu verändern. Besprechen Sie das mit der zuständigen Fachkraft.
Erwachsene dürfen Gesprächspartner sein, statt Prüfungen abzunehmen
Kaga, pia no, chi ga ga: Möglicherweise sucht ein Kind noch nach den Grenzen zwischen Wörtern. Wenn sich die Lautreihenfolge verändert oder Laute wiederholt werden, braucht es wiederum einen anderen Blick auf das Geschehen.
Bei keinem dieser Beispiele lässt sich die Ursache nach einer einzigen ungewöhnlichen Äußerung festlegen.
Und vielleicht wollte das Kind in diesem Moment gar keinen sprachwissenschaftlichen Forschungsbericht vortragen.
Es wollte sagen: „Es juckt!“
Das lässt sich zuerst aufgreifen: „Eine Mücke hat dich gestochen? Das hat bestimmt gejuckt.“ Ist etwas unklar, nach der Bedeutung fragen und mit natürlichen Worten antworten. Wenn es Anlass zur Sorge gibt, dafür gesondert Zeit zur Beratung einplanen.
Wir können Kindern zuhören und gemeinsam Freude am Gespräch haben, ohne das Zuhause zum Schauplatz unangekündigter Sprachtests zu machen.


