Yuji Itadori aus Jujutsu Kaisen soll endlich eine Pause bekommen. Bei Chiikawa denke ich ähnlich. Bei Naoya oder Momonga dagegen: „Ich mag dich, aber du musst einmal richtig die Folgen spüren.“
Alles Lieblingsfiguren, doch meine Wünsche für sie unterscheiden sich deutlich. Das ist keine Sammlung von Vorbildern. Eher eine Unfallstelle.
Yuji und Chiikawa: die Kategorie „bemitleidenswert und dadurch noch liebenswerter“
Yuji und Chiikawa leben in völlig unterschiedlichen Geschichten, aber der emotionale Reiz ist erstaunlich ähnlich.
Sie sind im Kern gut, sie bemühen sich, und man möchte, dass das Leben ihnen einfach einmal eine Pause gönnt. Das Leben weigert sich.
Entscheidend ist, dass Leid allein nicht attraktiv ist. Interessant ist das Bemühen mitten im Leid: weiter versuchen, weitergehen und etwas Freundliches bewahren, obwohl die Umstände sie schlecht behandeln.
Man lacht nicht, weil sie leiden. Man kann nur nicht wegsehen, weil sie trotz allem weitermachen.
Naoya und Momonga: Eine Figur mögen und Konsequenzen wünschen passt sehr gut zusammen
Dann gibt es Figuren wie Naoya und Momonga.
Hier bedeutet „mögen“ nicht „diese Person moralisch bewundern“. Im Gegenteil: Gerade ihre problematischen Seiten machen sie unterhaltsam.
Man sieht ihr Verhalten und denkt: „Irgendwann kommt das zu dir zurück“, möchte aber trotzdem wissen, was sie als Nächstes tun. Man kann das Verhalten ablehnen und trotzdem gern zuschauen.
Darum widersprechen sich „ich mag diese Figur“ und „sie soll die Konsequenzen tragen“ überhaupt nicht. Die Konsequenzen gehören zu der Geschichte, die man sehen möchte.
Bei einem Persönlichkeitstest für eine Stelle könnten sie durchfallen. In einer Geschichte möchte man sie trotzdem dabeihaben.
Karyl, Diena und Bocchi: kompetent und trotzdem verpeilt ist ein besonders starker Kontrast
Ein weiterer großer Punkt ist der Kontrast.
Eine Figur kann ernst, kompetent oder in einem Fachgebiet wirklich talentiert sein und dann bei Emotionen, Beziehungen oder Alltag plötzlich fast alle Fähigkeiten verlieren.
Bocchi ist das deutlichste Beispiel: echte Fähigkeiten im eigenen Bereich und beinahe ein Systemabsturz in sozialen Situationen. Auch Karyl und Diena haben diesen reizvollen Absturz von „funktionierender Mensch“ zu „warum bist du so?“
Eine Figur, die in allem schlecht ist, kann lustig sein. Aber „hier hervorragend, dort katastrophal“ wirkt deutlich dreidimensionaler.
Diese Unterschiede machen die Figur leichter vorstellbar.
Dass der Shibuya Incident gefällt, folgt derselben Logik
Sobald dieses Muster sichtbar ist, ergibt auch die Vorliebe für den Shibuya Incident vollkommen Sinn.
Unter normalen Bedingungen kann eine Figur eine relativ geordnete Version ihrer selbst aufrechterhalten. Sie hat Spielraum. Unter extremem Druck treten Urteilskraft, Angst, Verantwortungsgefühl, Bindung und Schwäche gleichzeitig hervor.
Ein Hochdruck-Handlungsbogen ist praktisch ein Belastungstest für Figuren.
Was schützt jemand? Was gibt jemand auf? Wo bricht jemand? Was geschieht danach? Solche Momente zeigen weit mehr als die Wörter „freundlich“ oder „stark“ auf einem Steckbrief.
Ruhige Alltagsfolgen sind deshalb nicht schlecht. Aber Geschichten, die so viel Druck erzeugen, dass sichtbar wird, was einer Figur wirklich wichtig ist, sind besonders spannend.
Fazit: Lieblingsfiguren werden nicht nach Lebenslauf ausgewählt
Wenn man fiktive Figuren nur als Menschen bewertet, kann dieser Geschmack seltsam wirken.
Aber eine Lieblingsfigur auszuwählen ist weder die Einstellung eines Kollegen noch die Wahl eines Partners. Fehler, Widersprüche, Scheitern, Konsequenzen und Kontraste dürfen genau das sein, was eine Figur interessant macht.
