Die Hunter-Lizenz in HUNTER×HUNTER ist enorm wertvoll. Warum also nicht die Karte für ein Vermögen verkaufen und der gefährlichen Arbeit den Rücken kehren? Was hält Gon und die anderen auf Reisen und bei ihren Aufträgen?
Die Antwort ist: Sie wollen mehr als Geld. Den Vater finden, Gestohlenes zurückholen, Arzt werden, Unbekanntes erforschen – die Lizenz kann sie diesen Zielen näherbringen. Außerdem ist es ein Unterschied, eine wertvolle Karte zu besitzen oder genügend verfügbares Geld für den Alltag und die eigenen Vorhaben zu haben.
Daraus zu schließen, dass „nur Menschen ohne Interesse an Geld Hunter werden können“, würde die Geschichte allerdings zu stark vereinfachen. Die Frage lässt sich besser beantworten, wenn man Verkaufswert, Vorteile der Qualifikation, persönliche Ziele und die Bezahlung eines Auftrags getrennt betrachtet. Im Folgenden geht es um Ereignisse von der Hunter-Prüfung bis zum Greed-Island-Arc des Anime von 2011.
Was macht die Lizenz so wertvoll?
Das offizielle Glossar von Nippon TV beschreibt Hunter als Menschen, die dem Unbekannten nachgehen: etwa seltenen Lebewesen, Schätzen oder schwer zugänglichen Gebieten. Um als Profi tätig zu werden, müssen sie eine anspruchsvolle Prüfung bestehen. Wer die Qualifikation erlangt, erhält weitreichende Vergünstigungen und Vorrechte.[1]
Die Vorteile der Lizenz gehen in der Geschichte über den Geldbetrag hinaus, den die Karte beim Verkauf einbringen könnte. Sie eröffnet Zugang zu normalerweise schwer zugänglichen Orten, zu eingeschränkt nutzbaren Einrichtungen und Informationen, bietet Vergünstigungen etwa bei Unterkünften und lässt sich verpfänden, um Geld zu beschaffen. All das erweitert den Handlungsspielraum.
Auch die Einführung von VIZ nennt Vergünstigungen bei Unterkünften, den Zutritt zu gesperrten Orten und Informationen auf einer Website, die Huntern vorbehalten ist.[2]
Genaue Angaben zum Anteil kostenloser Einrichtungen oder zugänglicher Länder sowie zu Kreditobergrenzen werden hier nicht aufgelistet. Das offizielle Online-Glossar bestätigt, dass es Vorrechte gibt; es ist kein Vertrag, der sämtliche Bedingungen festhält. Daraus sollte man nicht ableiten, dass die Lizenz überall Zutritt verschafft, alles kostenlos macht oder jeden gewünschten Kredit garantiert.
Sie ist zugleich ein Vermögenswert, der das Leben erleichtern kann, und ein Werkzeug für weitere Erkundungen. Wer einen Schlüssel verkauft, erhält Geld. Wer damit noch Türen öffnen will, kann seinen Wert aber nicht allein am Verkaufspreis messen.
Verkaufen, verpfänden und behalten sind unterschiedliche Entscheidungen
Auch der englischsprachige Verlag VIZ beschreibt die Lizenz als so wertvoll, dass ihr Verkauf ein Leben in Wohlstand bis ans Lebensende ermöglichen könnte.[2] Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Besitzer jeden Monat einen festen Betrag für ihren Lebensunterhalt erhalten. Der Wert der Karte darf nicht mit regelmäßigen Einkünften von der Vereinigung verwechselt werden.
Beim Verkauf gibt man die Karte ab und erhält dafür Geld. Gon verpfändet seine Lizenz dagegen, um Geld zu beschaffen; das bestätigt auch die Inhaltsangabe zu Band 10 bei VIZ.[12] Wer sich gegen eine Sicherheit Geld leiht, muss es zurückzahlen. Eine wertvolle Sicherheit macht aus einer Schuld kein Einkommen. Schon daran zeigt sich die Lücke in der Vorstellung: „Einfach verkaufen oder beleihen und danach ein Leben lang nichts mehr tun.“
Wer die Karte behält, verzichtet zunächst auf den Erlös und kann sie dafür bei seinen Unternehmungen weiter nutzen. Durch einen Verkauf den Besitz der Karte zu verlieren, ist außerdem etwas anderes, als den eigenen Prüfungserfolg oder die Qualifikation auf jemand anderen zu übertragen. Den Kauf und Verkauf der Karte sollte man nicht ohne Weiteres mit einem Handel mit der Qualifikation selbst gleichsetzen.
Dass Gon tatsächlich das Pfandhaus wählt, ist aufschlussreich. Eine wertvolle Lizenz zu besitzen und gerade das benötigte Geld zur Verfügung zu haben, sind zwei verschiedene Dinge. Deshalb bleibt die Geldbeschaffung auch mit Lizenz eine Herausforderung innerhalb der Geschichte.
Gon sucht seinen Vater nicht bloß, um reich zu werden
Für Gon führt der Weg zum Hunter zu seinem Vater Ging. Auch sein offizielles Figurenprofil erklärt, dass er aufbricht, um ein Hunter wie sein Vater zu werden. Geld zu bekommen erfüllt dieses Ziel nicht automatisch.[3]
Nachdem Gon Nen erlernt hat und auf die Walinsel zurückkehrt, erhält er eine Kiste, die Ging hinterlassen hat. Statt eines ruhigen Lebens im Ruhestand erwartet ihn damit ein neuer Hinweis auf seinen Vater.[4]
Er will wissen, wonach Ging sucht und was ihn am Hunter-Beruf fasziniert hat. Für Gon würde es bedeuten, sich von seinem ursprünglichen Wunsch zu entfernen, wenn er die Karte zu Geld machte und seine Reise beendete.
Ein Außenstehender sieht in derselben Karte vielleicht „ein Vermögen, mit dem man nie wieder arbeiten muss“. Ihr Besitzer sieht hingegen „das Werkzeug, mit dem es endlich weitergeht“. Diese unterschiedliche Bewertung macht einen Teil des Reizes der Geschichte aus.
Kurapika und Leorio haben Ziele, die über Geld hinausgehen
Kurapika sucht die Scharlachroten Augen, die seinem Volk geraubt wurden, und verfolgt die Phantom-Truppe. Auch die offizielle Inhaltsangabe zu Folge 39 benennt diese beiden Ziele. Ein höherer Kontostand allein bringt weder die Augen zurück noch führt er automatisch zur Truppe.[5]
Arbeit, die Informationen, Kontakte oder den Zugang zu den richtigen Personen ermöglicht, kann deshalb mehr wert sein als ihre Bezahlung. Das heißt nicht, dass Kurapika für seine Rache jeden beliebigen Auftrag annehmen würde. Entscheidend ist, ob die Arbeit ihn seinem eigenen Ziel näherbringt.
Bei Leorio ist der Geldbedarf noch deutlicher. Er möchte Arzt werden und Menschen helfen, die sich keine Behandlung leisten können. Sein offizielles Figurenprofil erklärt ebenfalls, dass er viel Geld braucht, um kostenlos behandeln zu können.[6]
Ihn als jemanden zu beschreiben, der „kein Interesse an Geld“ hat, würde die Sache auf den Kopf stellen. Er braucht Geld für sein Ziel, und das ist ein nachvollziehbarer Beweggrund. Eine Qualifikation zu erwerben, Zeit zum Lernen zu finden und die medizinische Versorgung zu finanzieren, sind unterschiedliche Aufgaben. Wer eine davon löst, hat nicht automatisch alle anderen erledigt.
Auch Killua und Hisoka zeigen, wie verschieden die Motive sind
Für Killua sind der Ausstieg aus dem Familiengeschäft, ein selbstbestimmtes Leben und die Reise mit Gon entscheidend. Man darf ihn allerdings nicht zu denen zählen, die ihre erste Prüfung gemeinsam mit Gon bestehen. Er scheitert beim ersten Versuch, trifft Gon wieder und setzt die Reise fort. Erst bei einer späteren Prüfung wird er Hunter.[7][8]
Diese Reihenfolge ist wichtig. Killuas Reisen lassen sich nicht als Arbeit erklären, mit der er eine bereits erworbene Lizenz behalten will. Seine Beziehungen und seine persönlichen Entscheidungen kommen vor der Qualifikation.
Hisokas Wunsch, gegen starke Gegner zu kämpfen, ist ein extremes Beispiel für einen Antrieb jenseits des Geldes. Seine Zusammenarbeit mit Gon und den anderen auf Greed Island, etwa seine Hilfe beim Völkerballspiel gegen Razor, lässt sich als eine Situation lesen, in der dieses Interesse und sein Handeln zusammenpassen.[9][10]
Daraus lässt sich jedoch weder ein bezahlter Auftrag machen noch Hisoka zum Vorbild für gewissenhafte Berufsausübung erklären. Sein Verhalten zeigt, dass Bezahlung nicht der einzige Grund ist, die eigenen Fähigkeiten einzusetzen. Die Behauptung, „jeder Auftrag ist Teil eines großen langfristigen Plans“, muss man nicht als vermeintlich gesicherte Tatsache der Handlung hinzufügen.
Die harte Prüfung fordert Entschlossenheit, verbietet aber keine finanziellen Motive
Die Hunter-Prüfung ist bereits auf dem Weg zum Prüfungsort schwierig. Sie verlangt Verstand, körperliche Stärke und psychische Belastbarkeit und kann lebensgefährlich sein. Auch das offizielle Glossar betont ihre Härte.[1]
Wer lediglich auf sichere Weise Geld verdienen will, könnte zu dem Schluss kommen, dass sich das Risiko dieser Prüfung nicht lohnt. Insofern kann man die Geschichte so lesen, dass Menschen im Mittelpunkt bleiben, die trotz der Gefahr etwas verfolgen wollen. Ein Ziel, das stärker ist als der Wunsch nach Geld, Neugier, Besessenheit oder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten können den Versuch tragen.
Das ist jedoch eine Deutung der Figurendarstellung und keine offizielle Voraussetzung für das Bestehen. Wer wegen des Geldes antritt, geht nicht zwangsläufig unterwegs nach Hause. Und der Wunsch nach finanzieller Sicherheit bedeutet nicht, dass jemand die Prüfung nicht bestehen kann.
Der Gedanke, dass gerade diejenigen, die eine Lizenz erwerben können, bereits über sie hinausblicken, ist ein reizvolles Paradox. Ohne Zusätze wie „alle“ oder „immer“ lassen sich auch Figuren wie Leorio verstehen, ohne sie in eine absolute Regel pressen zu müssen.
Aufträge finanzieren den Alltag und die nächsten Unternehmungen
Die Vorstellung, alle Profi-Hunter würden sofort nach bestandener Prüfung zu Angestellten der Vereinigung mit einheitlichem Arbeitsvertrag und Monatsgehalt, führt in die Irre. Manche widmen sich ihrem eigenen Fachgebiet, andere werden von Auftraggebern beschäftigt oder übernehmen Aufgaben für Organisationen. Der Vergleich mit Spezialisten oder selbstständig Tätigen kann beim Verständnis helfen. Er ist aber keine genaue Berufskategorie, die das gesamte System erklärt.
Konkret fallen Kosten für Expeditionsbegleiter, Reisen, Ausrüstung, Informationen und Forschungsstützpunkte an. Vergünstigungen bei Unterkünften oder Einrichtungen machen nicht automatisch sämtliche Ausgaben für Begleiter und Spezialwerkzeuge kostenlos. Das Budget für das ruhige Leben eines Einzelnen ist ein anderes als das für eine dauerhafte, groß angelegte Untersuchung.
Ein Auftrag kann außerdem den Zugang zum eigentlichen Ziel eröffnen. Gon und Killua versuchen, sich von der Person, die Greed Island ersteigert hat, als Spieler anstellen zu lassen. Die offizielle Inhaltsangabe zu Folge 59 beschreibt das Auswahlverfahren und ihr Training dafür.[11]
Dabei geht es ihnen um mehr als Geld. Sie wollen auch die Möglichkeit bekommen, an einem Spiel teilzunehmen, zu dem sie aus eigener Kraft nur schwer Zugang finden. Das Beispiel zeigt sogar, dass eine Lizenz weder die nötigen Fähigkeiten ersetzt noch das Auswahlverfahren eines Auftraggebers überflüssig macht.
Ein passender Auftrag ist etwas anderes als jeder beliebige gefährliche Job
Gründe für die weitere Arbeit können sein, das eigene Fachwissen einzusetzen, dem Unbekannten näherzukommen, eine Spur zu einer gesuchten Person oder Information zu finden oder mit den eigenen Fähigkeiten ein gesellschaftliches Problem anzugehen. Bezahlung und die Notwendigkeit, den Alltag zu finanzieren, können dabei durchaus ebenfalls eine Rolle spielen.
Kurapikas Arbeit für jemanden, der menschliche Körperteile sammelt, ist ein weiteres Beispiel dafür, wie jemand die nötigen Kontakte und Zugang zu bestimmten Kreisen gewinnt, um seinem Ziel näherzukommen. Die offizielle Einführung von VIZ verbindet diese Anstellung mit seiner Suche nach den Scharlachroten Augen und der Phantom-Truppe.[2]
Solche Beispiele lassen sich nicht allein mit „Hunter arbeiten, weil sie Gefahr mögen“ erklären. Gefahr kann eine Belastung sein, die man für ein Ziel in Kauf nimmt, ohne selbst das Ziel zu sein. Aufträge sorgfältig auszuwählen und dafür Geld zu verlangen, widerspricht keineswegs dem Hunter-Dasein.
Aus den geprüften Quellen lässt sich ebenso wenig ableiten, dass alle Hunter Aufträge annehmen müssen oder für eine Lizenzverlängerung eine bestimmte Anzahl erledigen sollen. Dass die Geschichte arbeitende Figuren zeigt, bedeutet nicht, dass alle gleich häufig arbeiten müssen.
Was es heißt, das „Spiel des Lebens gewonnen“ zu haben, ist für jeden anders
Die Idee, die Lizenz zu verkaufen und ruhig zu leben, ist keineswegs abwegig. Wer finanzielle Sicherheit an die erste Stelle setzt, kann das durchaus attraktiv finden. Gon und die anderen haben jedoch Ziele, die damit nicht erledigt wären.
Die Antwort lautet also nicht: „Sie sind alle arbeitssüchtig, obwohl sie auch ohne Arbeit leben könnten.“ Sie wollen mithilfe der Karte etwas verfolgen, Aufträge können sie diesem Ziel näherbringen, und ihre Unternehmungen kosten weiterhin Geld. Welcher Grund am stärksten wiegt, hängt von der Person und vom jeweiligen Auftrag ab.
Mit derselben Lizenz würde der eine lieber Geld für ein ruhiges Leben erhalten, während der andere sie behalten möchte, um mehr von der Welt zu entdecken. Gon suchte keine Auszahlung, die sein Abenteuer beenden würde. Er wollte auf dem Weg zu seinem Vater noch ein Stück weiterkommen.
Verwendete offizielle Quellen
Die folgenden Quellen umfassen das offizielle Material von Nippon TV zum Anime von 2011, Einführungen des englischsprachigen Verlags VIZ und ein offizielles Figurenprofil zum Kinofilm von VAP. Als Tatsachengrundlage dient, was sich im Glossar, in Figurenprofilen und in den Inhaltsangaben zu Folgen und Manga-Bänden nachprüfen lässt. Die Folgenbeschreibungen verorten die betreffenden Szenen; sie enthalten weder sämtliche Dialoge noch alle Einzelbestimmungen der Lizenz. Aussagen über die Werte der Figuren, ihre Auftragswahl und darüber, wie die Prüfung die Bandbreite der Motive eingrenzt, sind wie im Text kenntlich gemacht eine Deutung der Geschichte.
[1] Nippon TV, Glossar: Hunter, Prüfung und Vorrechte
[2] VIZ, „Welcome to Hunter x Hunter“: Wert und Vorteile der Lizenz sowie Kurapikas Arbeit
[3] Nippon TV: Figurenprofil von Gon
[4] Nippon TV, Folge 37: die von Ging hinterlassene Kiste
[5] Nippon TV, Folge 39: Kurapikas Ziele
[6] Nippon TV: Figurenprofil von Leorio
[7] Nippon TV, Folge 25: das Wiedersehen mit Killua
[8] Nippon TV, Folge 66: Killua besteht und kehrt ins Spiel zurück
[9] VAP, offizielles Hisoka-Profil zum Kinofilm: sein Interesse an starken Gegnern
[10] Nippon TV, Folge 71: zu dritt gegen Razor
[11] Nippon TV, Folge 59: das Auswahlverfahren für die Spieler
[12] VIZ, Hunter x Hunter, Band 10: Gon verpfändet seine Lizenz





